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    ERP & Transformation

    Soll-Prozesse definieren: Vom historisch Gewachsenen zum belastbaren Zielbild im Handel

    Wer Prozesse erst im ERP-Projekt klärt, bezahlt das später als Customizing.

    Stefan Radau9 Min. LesezeitJuni 2026Aktualisiert Juni 2026

    Im Handel sind Prozesse selten am Reißbrett entstanden. Sie sind über Jahre gewachsen – um eine Sortimentsumstellung herum, um einen Personalwechsel im Einkauf, um eine Ausnahme, die irgendwann zur Regel wurde. Das funktioniert im Tagesgeschäft. Es wird teuer, sobald ein neues ERP-System eingeführt werden soll.

    Denn ein ERP-System zwingt zur Entscheidung: Welcher Prozess soll künftig gelten? Wer diese Frage erst im Implementierungsprojekt stellt, klärt sie unter Zeitdruck, in der Sprache des Systemhauses und gegen Stundensätze. Die Antwort darauf heißt Soll-Prozessdefinition – und sie gehört vor die Systemauswahl, nicht dahinter.

    Ist-Prozess, Soll-Prozess – und warum der Unterschied zählt

    Der Ist-Prozess beschreibt, wie heute tatsächlich gearbeitet wird – inklusive aller Workarounds. Der Soll-Prozess beschreibt, wie künftig bewusst gearbeitet werden soll. Dazwischen liegt eine Entscheidung, keine Dokumentation. Genau deshalb ist die Soll-Prozessdefinition Führungsaufgabe und nicht reine Fleißarbeit für die Fachabteilung.

    Historisch gewachsen vs. bewusst gestaltet

    Historisch gewachsen

    Bewusst gestaltet

    Entstehung

    Ergebnis vieler Einzelentscheidungen ohne Gesamtbild

    Bewusst definiertes Zielbild entlang der Wertschöpfung

    Ausnahmen

    Sonderfälle dominieren, niemand kennt mehr alle

    Ausnahmen sind benannt, bewertet und begrenzt

    ERP-Wirkung

    Jede Eigenheit wird zu teurem Customizing

    Standard deckt den Großteil ab, Anpassung ist Entscheidung

    Verantwortung

    Wissen steckt in einzelnen Köpfen

    Rollen und Verantwortlichkeiten sind dokumentiert

    In fünf Schritten zum belastbaren Soll-Prozess

    Vom Ist zum Soll

    1

    Ist aufnehmen

    Reale Abläufe entlang der Wertschöpfungskette statt Idealbilder

    2

    Schwachstellen

    Medienbrüche, Redundanzen und Engpässe sichtbar machen

    3

    Soll gestalten

    Zielprozess bewusst entscheiden – nicht das Alte abbilden

    4

    Gap bewerten

    Abstand zum ERP-Standard und zur Organisation bestimmen

    5

    Priorisieren

    Handlungsfelder ableiten und entscheidungsreif aufbereiten

    1

    Ist aufnehmen

    Reale Abläufe entlang der Wertschöpfungskette statt Idealbilder

    2

    Schwachstellen

    Medienbrüche, Redundanzen und Engpässe sichtbar machen

    3

    Soll gestalten

    Zielprozess bewusst entscheiden – nicht das Alte abbilden

    4

    Gap bewerten

    Abstand zum ERP-Standard und zur Organisation bestimmen

    5

    Priorisieren

    Handlungsfelder ableiten und entscheidungsreif aufbereiten

    Im Handel haben sich vier Prozessfelder als besonders ergiebig erwiesen: Sortiments- und Listungsprozesse, Preis- und Aktionssteuerung, die Lieferkette von der Disposition bis zur Filialbelieferung sowie der Order-to-Cash-Prozess. Wer hier Klarheit schafft, hat den überwiegenden Teil des späteren ERP-Scopes im Griff.

    Warum sich der Schritt rechnet

    bis 40 %

    weniger Scope

    Typische Scope-Reduktion durch Gap-Analyse vor der Implementierung (eigene Projekterfahrung)

    0 –5×

    teurer später

    Relativer Mehraufwand, Prozessfragen erst im Projekt statt davor zu klären

    Tag 1

    Entscheidungsreife

    Soll-Prozesse als gemeinsame Grundlage für Auswahl und Lastenheft

    Aus der Praxis

    In einem Advisory-Vorprojekt im Handel sank der Implementierungs-Scope um 40 % – allein dadurch, dass Soll-Prozesse und Gaps vor der Systemauswahl geklärt wurden. Den Case lesen Sie unter „Prozessklarheit vor der ERP-Auswahl“.

    Häufig gestellte Fragen

    Wann sollte die Soll-Prozessdefinition stattfinden?

    Vor der Systemauswahl. Soll-Prozesse sind die Grundlage für ein belastbares Lastenheft und für realistische Aufwandsschätzungen. Wer erst das System wählt und dann die Prozesse definiert, lässt sich die Reihenfolge vom Anbieter vorgeben.

    Müssen alle Prozesse modelliert werden?

    Nein. Entscheidend sind die wertschöpfenden Kernprozesse und die kritischen Schnittstellen. Eine vollständige Modellierung jedes Sonderfalls bindet Aufwand, ohne die Entscheidungsfähigkeit zu erhöhen. Tiefe dort, wo Risiko und Komplexität liegen.

    Quellen: Standish Group CHAOS Report; Panorama Consulting ERP Report; eigene Projekterfahrung aus Prozess- und ERP-Vorhaben im Handel und Großhandel.

    Wenn Sie dieses Thema in Ihrem Projekt vertiefen möchten, sprechen Sie mit uns.

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    Über den Autor

    Stefan Radau

    Stefan Radau

    Gründer & Geschäftsführer

    Stefan Radau gründete Innovera Consulting 2018 – nach über zwölf Jahren in der ERP-Beratung großer Handels- und Mittelstandshäuser. Er begleitet Geschäftsführer und Bereichsleiter im Handel und Großhandel vendor-neutral, pragmatisch und messbar durch komplexe Transformationen.

    Zur PersonLinkedIn

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