ERP-Governance im Handel: Wer entscheidet, wenn Filiale, Einkauf und IT kollidieren
Governance klingt nach Bürokratie. In Wahrheit ist sie die Voraussetzung für Geschwindigkeit.
Handelsunternehmen sind organisatorisch vielstimmig: Zentraleinkauf, Category Management, Filial- oder Vertriebsorganisation, Logistik und IT verfolgen jeweils berechtigte, aber unterschiedliche Ziele. In einem ERP-Projekt prallen diese Interessen an jeder Prozessentscheidung aufeinander – bei Konditionen, Sortimentslogik, Preisaktionen oder Filialbelieferung.
Ohne klare Governance wird jede dieser Fragen zur Grundsatzdebatte. Mit klarer Governance ist vorher geregelt, wer entscheidet, wer gehört wird und wie eskaliert wird. Governance ist damit kein Kontrollinstrument, sondern die Bedingung dafür, dass ein Projekt überhaupt entscheidungsfähig bleibt.
Die vier Governance-Bausteine
Was Governance im ERP-Projekt regelt
Entscheidungsrechte
Wer entscheidet final über Prozess, Scope und Customizing – und wer ist nur beratend?
Gremien & Rollen
Steering Committee, Projektleitung, Key User – mit klarer RACI-Zuordnung statt Doppelrollen.
Eskalation
Definierte Wege, wenn Einkauf, Filiale und IT sich nicht einigen – bevor es das Projekt blockiert.
Daten-Governance
Wer pflegt und verantwortet Stammdaten zu Artikel, Kondition und Lieferant – dauerhaft, nicht nur im Projekt.
Der häufigste Fehler: zu groß, zu unverbindlich
Viele Handelsunternehmen besetzen ihr Steering Committee mit zwölf Personen – und keiner darf am Ende allein entscheiden. Das Ergebnis ist ein Gremium, das berät statt steuert. Wirksame Governance ist klein, mit echter Entscheidungskompetenz und einem klaren Mandat der Geschäftsführung.
Schwache vs. wirksame Governance
Schwache Governance
Wirksame Governance
Entscheidung
Konsenssuche bis zur Erschöpfung
Klare Entscheidungsrechte, dokumentiert
Gremium
Groß, repräsentativ, unverbindlich
Klein, kompetent, entscheidungsbefugt
Eskalation
Konflikte schwelen und blockieren
Definierte Wege, schnelle Klärung
Daten
Niemand fühlt sich zuständig
Data Owner je Stammdatenklasse benannt
Eskalation, die funktioniert
Fachebene
Einkauf, Filiale und IT klären auf Arbeitsebene
Projektleitung
Bündelt Optionen und bewertet Auswirkungen
Steering Committee
Entscheidet auf Basis vorbereiteter Vorlagen
Geschäftsführung
Nur strategische Grundsatzfragen mit hohem Hebel
Fachebene
Einkauf, Filiale und IT klären auf Arbeitsebene
Projektleitung
Bündelt Optionen und bewertet Auswirkungen
Steering Committee
Entscheidet auf Basis vorbereiteter Vorlagen
Geschäftsführung
Nur strategische Grundsatzfragen mit hohem Hebel
Aus der Praxis
In einer ERP-Einführung im SHK-Handel wurde Governance ab Tag 1 aufgesetzt – Rollen, Entscheidungswege und Eskalation parallel zu Test und Change. Wie das in 16 Wochen gelang, lesen Sie in unserer Case Study zu Governance, Testmanagement & Change.
Häufig gestellte Fragen
Wie groß sollte ein Steering Committee im Handel sein?
In der Regel fünf bis sieben Personen mit echter Entscheidungskompetenz – typischerweise aus Geschäftsführung, Einkauf/Category Management, Vertrieb/Filiale und IT. Größere Runden informieren, sie entscheiden nicht. Repräsentation lässt sich über Vorbereitung und Reporting sicherstellen, nicht über Sitzgröße.
Was unterscheidet Projekt-Governance von Daten-Governance?
Projekt-Governance steuert das Vorhaben bis zum Go-Live. Daten-Governance regelt dauerhaft, wer Stammdaten zu Artikel, Kondition und Lieferant pflegt und verantwortet. Im Handel ist gerade Letztere überlebenswichtig – falsche Konditionen oder Sortimentsdaten wirken direkt in Marge und Filiale.
Quellen: eigene Projekterfahrung aus ERP-Vorhaben im Handel und Großhandel; weiterführend zu Rollen und Agenda siehe unseren Beitrag „ERP Steering Committee aufsetzen“.
Wenn Sie dieses Thema in Ihrem Projekt vertiefen möchten, sprechen Sie mit uns.
Über den Autor

Stefan Radau
Gründer & Geschäftsführer
Stefan Radau gründete Innovera Consulting 2018 – nach über zwölf Jahren in der ERP-Beratung großer Handels- und Mittelstandshäuser. Er begleitet Geschäftsführer und Bereichsleiter im Handel und Großhandel vendor-neutral, pragmatisch und messbar durch komplexe Transformationen.

