ERP-Auswahl Kriterien: Die 10 wichtigsten Bewertungsfaktoren für den Mittelstand
Warum eine systematische Kriterienbewertung den Unterschied zwischen ERP-Erfolg und kostspieliger Fehlentscheidung ausmacht.
Warum systematische Kriterien bei der ERP-Auswahl entscheidend sind
Die Auswahl eines neuen ERP-Systems gehört zu den folgenreichsten Entscheidungen, die ein mittelständisches Unternehmen treffen kann. Die Investition bindet Ressourcen über Jahre, beeinflusst die Wettbewerbsfähigkeit und bestimmt, wie effizient Geschäftsprozesse zukünftig abgewickelt werden. Trotzdem verlassen sich viele Unternehmen bei dieser Entscheidung auf Bauchgefühl, Empfehlungen aus dem Bekanntenkreis oder die Überzeugungskraft eines einzelnen Vertriebsgesprächs. Das Ergebnis sind ERP-Projekte, die weit über Budget und Zeitplan hinausschießen – oder deren Ergebnisse die Erwartungen schlicht nicht erfüllen.
Ein strukturierter Kriterienkatalog schafft Objektivität in einem Prozess, der sonst von subjektiven Eindrücken dominiert wird. Er zwingt alle Beteiligten – von der Geschäftsführung über die IT bis zu den Fachabteilungen – zu einer gemeinsamen Definition dessen, was das neue System leisten muss. Gerade im Mittelstand, wo Ressourcen begrenzt sind und Fehlentscheidungen besonders schwer wiegen, ist diese Systematik kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Wer ohne klare Kriterien in Anbieterpräsentationen geht, vergleicht am Ende Äpfel mit Birnen.
ERP-Auswahl in Zahlen
0 –75 %
verfehlen ihre Projektziele
Anteil der ERP-Projekte, die Budget, Zeitplan oder funktionale Erwartungen nicht einhalten
0 %
wählen den falschen Anbieter
Anteil der Unternehmen, die innerhalb von drei Jahren einen Anbieterwechsel oder eine Nachauswahl durchführen
0 ,5×
höhere Kosten ohne Systematik
Durchschnittliche Kostenüberschreitung bei ERP-Projekten ohne strukturierten Auswahlprozess
0 –14 Monate
dauert ein sorgfältiger Auswahlprozess
Typische Dauer von der Anforderungsanalyse bis zur Vertragsunterzeichnung im Mittelstand
Quelle: Panorama Consulting ERP Report 2024; Gartner ERP Survey 2023; DSAG-Investitionsreport 2024
Die 10 wichtigsten ERP-Auswahl Kriterien im Überblick
Aus zahlreichen ERP-Auswahlprojekten im Mittelstand haben sich zehn Bewertungsfaktoren herauskristallisiert, die in praktisch jedem Projekt eine zentrale Rolle spielen. Diese Kriterien decken funktionale, technische, wirtschaftliche und organisatorische Dimensionen ab. Je nach Branche, Unternehmensgröße und strategischer Ausrichtung verschiebt sich die Gewichtung – doch kein Faktor sollte bei der Bewertung vollständig ausgeblendet werden.
Die 10 Bewertungsfaktoren für Ihre ERP-Auswahl
Funktionale Passgenauigkeit
Deckt das System Ihre Kernprozesse im Standard ab? Gerade für Handelsunternehmen: Einkauf, Lagerverwaltung, Verkauf und Logistik müssen nahtlos funktionieren.
Skalierbarkeit
Kann das System mit Ihrem Unternehmen wachsen? Steigende Artikelzahlen, neue Vertriebskanäle oder internationale Expansion dürfen keine Systemgrenzen aufzeigen.
Total Cost of Ownership (TCO)
Lizenzkosten sind nur die Spitze des Eisbergs. Implementierung, Schulung, Wartung, Hosting und zukünftige Anpassungen bestimmen die realen Gesamtkosten über 7–10 Jahre.
Anbieterstabilität
Wie zukunftssicher ist der Anbieter? Marktposition, Innovationskraft, Kundenstamm und finanzielle Solidität entscheiden über die Langlebigkeit Ihrer Investition.
Integrationsfähigkeit
Moderne ERP-Systeme leben nicht isoliert. Schnittstellen zu Onlineshops, EDI-Partnern, Logistikdienstleistern und BI-Tools sind für Handelsunternehmen erfolgskritisch.
Benutzerfreundlichkeit
Die beste Funktionalität nützt nichts, wenn Mitarbeitende das System nicht akzeptieren. Moderne Oberflächen, mobile Nutzung und intuitive Bedienung steigern die Produktivität.
Branchenkompetenz
Verfügt der Anbieter über nachweisbare Erfahrung in Ihrer Branche? Branchenspezifische Funktionen reduzieren den Anpassungsbedarf und beschleunigen die Implementierung.
Implementierungsunterstützung
Welche Beratungs- und Projektressourcen stellt der Anbieter bereit? Die Qualität des Implementierungspartners hat mindestens so viel Einfluss wie die Software selbst.
Technologieplattform & Cloud-Strategie
On-Premise, Private Cloud oder SaaS? Die Plattformfrage beeinflusst Betriebskosten, Updatefähigkeit und die Geschwindigkeit, mit der Innovationen verfügbar werden.
Datensicherheit & Compliance
DSGVO-Konformität, Rechenzentrumsstandorte, Zugriffskonzepte und Audit-Trails sind keine optionalen Extras, sondern Grundvoraussetzung für jede ERP-Entscheidung.
Kriterium 1: Funktionale Passgenauigkeit
Die funktionale Abdeckung der Kernprozesse ist der offensichtlichste und zugleich am häufigsten unterschätzte Bewertungsfaktor. Viele Unternehmen gehen davon aus, dass moderne ERP-Systeme ohnehin alles können – und stellen erst in der Implementierung fest, dass zentrale Abläufe nicht oder nur mit erheblichem Anpassungsaufwand abbildbar sind. Für ein Handelsunternehmen bedeutet funktionale Passgenauigkeit, dass Warenwirtschaft, Einkauf, Disposition, Lagerverwaltung und Vertrieb als durchgängige Prozesskette funktionieren. Entscheidend ist dabei nicht der Funktionsumfang auf dem Papier, sondern wie gut der Standard die tatsächlichen Arbeitsabläufe abbildet. Eine strukturierte Fit-Gap-Analyse, bei der Ihre realen Geschäftsprozesse gegen die Systemfunktionalität abgeglichen werden, ist hier unverzichtbar.
Kriterium 2: Skalierbarkeit und Zukunftsfähigkeit
Ein ERP-System wird nicht für den heutigen Zustand ausgewählt, sondern für die nächsten sieben bis zehn Jahre. In dieser Zeit verändern sich Unternehmen erheblich: Umsatz wächst, neue Märkte werden erschlossen, Vertriebskanäle kommen hinzu, Unternehmensstrukturen verändern sich durch Zukäufe oder Ausgründungen. Das gewählte System muss diese Entwicklung nicht nur aushalten, sondern aktiv unterstützen. Fragen Sie konkret: Wie verhält sich das System bei einer Verdopplung der Transaktionsvolumina? Lassen sich neue Gesellschaften oder Mandanten ohne Komplettumstellung einbinden? Unterstützt die Architektur Multi-Site-Szenarien mit unterschiedlichen Prozessen? Gerade mittelständische Handelsunternehmen, die in den E-Commerce expandieren oder internationalisieren, stoßen bei falsch dimensionierten Systemen schnell an Grenzen.
Kriterium 3: Total Cost of Ownership
Die Lizenzkosten eines ERP-Systems machen typischerweise nur 20 bis 30 Prozent der Gesamtkosten aus. Der weitaus größere Anteil entfällt auf Implementierung, Datenmigration, Schulung, laufenden Betrieb und zukünftige Weiterentwicklungen. Ein seriöser TCO-Vergleich muss daher alle Kostenblöcke über einen realistischen Betrachtungszeitraum von mindestens sieben Jahren erfassen. Dazu gehören auch versteckte Kosten wie interne Personalkapazitäten während der Implementierung, Produktivitätsverluste in der Einführungsphase und der Aufwand für die Integration von Drittsystemen. Wer nur Lizenzpreise vergleicht, vergleicht nicht wirklich. Ein System mit höheren Lizenzkosten, aber geringerem Anpassungsaufwand kann langfristig deutlich wirtschaftlicher sein als eine günstige Lösung, die umfangreiche Individualisierung erfordert.
Kriterium 4: Anbieterstabilität und Marktposition
Ein ERP-System ist eine langfristige Partnerschaft. Die finanzielle Stabilität, die Innovationsgeschwindigkeit und die strategische Ausrichtung des Anbieters haben direkten Einfluss auf den Wert Ihrer Investition. Prüfen Sie die Entwicklung der letzten Jahre: Investiert der Anbieter in Forschung und Entwicklung? Wächst der Kundenstamm? Gibt es ein aktives Partnernetzwerk, das Ihnen auch unabhängig vom Hersteller Unterstützung bieten kann? Im Mittelstand ist besonders relevant, ob der Anbieter Ihre Unternehmensgröße als strategisches Kundensegment betrachtet. Ein System, bei dem Sie als kleiner Kunde unter Tausenden untergehen, bietet weniger Einfluss auf die Produktentwicklung als eine Lösung, bei der Ihre Anforderungen Gehör finden.
Kriterium 5: Integrationsfähigkeit
Die Zeiten monolithischer Alles-in-einem-Systeme sind vorbei. Moderne Unternehmens-IT ist ein Ökosystem aus spezialisierten Anwendungen, die über Schnittstellen miteinander kommunizieren. Für Handelsunternehmen bedeutet das: Das ERP-System muss sich nahtlos mit Onlineshops, Marktplätzen, EDI-Systemen, Logistikdienstleistern, Payment-Providern und Business-Intelligence-Lösungen verbinden lassen. Entscheidend ist dabei nicht nur, ob Schnittstellen grundsätzlich möglich sind, sondern wie sie realisiert werden. Offene APIs, standardisierte Datenformate und ein dokumentiertes Integrationsframework sind Merkmale eines zukunftsfähigen Systems. Proprietäre Schnittstellen, die nur über den Anbieter selbst realisiert werden können, schaffen Abhängigkeiten und treiben langfristig die Kosten.
Kriterium 6: Benutzerfreundlichkeit und Akzeptanz
Die Benutzerfreundlichkeit entscheidet maßgeblich darüber, ob ein ERP-System im Arbeitsalltag akzeptiert wird oder zum Produktivitätskiller mutiert. Ein System, das funktional überzeugt, aber eine umständliche Bedienung aufweist, erzeugt Widerstand bei den Anwendern und unterminiert den gesamten Projekterfolg. Bewerten Sie die Oberfläche nicht nur aus IT-Sicht, sondern aus der Perspektive der täglichen Nutzer: Lagerarbeiter, Einkäufer, Vertriebsmitarbeiter und Buchhaltung haben unterschiedliche Anforderungen an Bedienkonzepte. Mobile Verfügbarkeit, personalisierbare Dashboards, kontextsensitive Hilfe und kurze Klickwege sind keine Komfortmerkmale, sondern messbare Produktivitätsfaktoren. Binden Sie Endanwender frühzeitig in die Bewertung ein – idealerweise durch Hands-on-Workshops, nicht nur durch Anbieterpräsentationen.

Kriterium 7: Branchenkompetenz des Anbieters
Branchenerfahrung ist mehr als ein Vertriebsargument. Ein Anbieter, der Ihre Branche versteht, liefert Standardprozesse, die näher an Ihrer Realität liegen, und kann typische Herausforderungen antizipieren. Für Handelsunternehmen bedeutet das: Der Anbieter sollte nachweisbare Referenzen im Groß- oder Einzelhandel vorweisen können. Funktionen wie Chargenrückverfolgung, Konditionssysteme, Multikanal-Abwicklung oder saisonale Dispositionslogiken sollten im Standard vorhanden sein. Prüfen Sie Referenzen kritisch: Wie viele Kunden vergleichbarer Größe und Branche hat der Anbieter? Wie zufrieden sind diese? Welche branchenspezifischen Herausforderungen wurden gelöst? Ein Gespräch mit bestehenden Kunden des Anbieters ist wertvoller als jede Hochglanzpräsentation.
Kriterium 8: Qualität der Implementierungsunterstützung
Die beste Software kann an einer schlechten Implementierung scheitern. Die Qualität des Implementierungspartners – ob der Anbieter selbst oder ein zertifizierter Partner – hat mindestens ebenso viel Einfluss auf den Projekterfolg wie die Funktionalität des Systems. Bewerten Sie die Implementierungsmethodik: Gibt es ein strukturiertes Vorgehensmodell? Wie werden Risiken gemanagt? Welche Erfahrung haben die vorgesehenen Berater mit vergleichbaren Projekten? Achten Sie auf vertragliche Zusicherungen zur Beraterqualifikation und zur Kontinuität im Projektteam. Ein häufiger Beraterwechsel während der Implementierung ist einer der größten Risikofaktoren im Mittelstand, wo Projekte oft mit schlanken Teams umgesetzt werden und jeder Wissensverlust unmittelbar spürbar ist.
Kriterium 9: Technologieplattform und Cloud-Strategie
Die Frage nach dem Betriebsmodell – On-Premise, Private Cloud, Public Cloud oder SaaS – ist heute eine der strategischsten Entscheidungen im ERP-Kontext. Jedes Modell hat Implikationen für Kosten, Flexibilität, Updatefähigkeit und IT-Ressourcen. SaaS-Modelle reduzieren den internen IT-Aufwand und ermöglichen schnellere Innovationszyklen, schränken aber die Individualisierungsmöglichkeiten ein. On-Premise-Installationen bieten maximale Kontrolle, erfordern aber eigene Infrastruktur und IT-Kompetenz. Für den Mittelstand ist oft ein hybrider Ansatz sinnvoll, der Kernfunktionalität aus der Cloud bezieht und spezifische Anforderungen über Erweiterungsplattformen abdeckt. Entscheidend ist, dass die Plattformstrategie des Anbieters zu Ihrer IT-Strategie und Ihren internen Ressourcen passt.
Kriterium 10: Datensicherheit und Compliance
Datensicherheit ist kein reines IT-Thema, sondern ein geschäftskritischer Bewertungsfaktor. Ein ERP-System verarbeitet die sensibelsten Unternehmensdaten: Kundenstämme, Lieferantenkonditionen, Finanzdaten, Personalinformationen. Die Anforderungen an den Schutz dieser Daten steigen kontinuierlich – durch regulatorische Vorgaben wie die DSGVO, durch branchenspezifische Compliance-Anforderungen und durch die zunehmende Bedrohung durch Cyberangriffe. Prüfen Sie, wo Ihre Daten gespeichert werden, welche Verschlüsselungsstandards gelten, wie Zugriffsrechte granular gesteuert werden können und ob lückenlose Audit-Trails vorhanden sind. Für Unternehmen mit europäischen Kunden ist die Datenhaltung in EU-Rechenzentren inzwischen ein Hygienefaktor, kein Differenzierungsmerkmal.
Kriterien gewichten: Was zählt in Ihrer Situation am meisten?
Nicht jedes Kriterium wiegt in jeder Unternehmenssituation gleich schwer. Ein schnell wachsendes E-Commerce-Unternehmen wird Skalierbarkeit und Integrationsfähigkeit höher gewichten als ein etablierter Großhändler, der primär auf Prozesseffizienz und Branchentiefe setzt. Die Kunst liegt in der situationsgerechten Gewichtung – und darin, diese Gewichtung vor dem Vergleich festzulegen, nicht erst danach, wenn die Ergebnisse bereits vorliegen. Ohne vordefinierte Gewichtung besteht die Gefahr, dass Kriterien im Nachhinein so angepasst werden, dass sie das gewünschte Ergebnis bestätigen. Das ist menschlich nachvollziehbar, aber methodisch fatal.
- Wachstumsorientierte Unternehmen: Skalierbarkeit, Cloud-Strategie und Integrationsfähigkeit priorisieren
- Prozessgetriebene Unternehmen: Funktionale Passgenauigkeit und Branchenkompetenz in den Vordergrund stellen
- Kostenoptimierte Unternehmen: TCO-Analyse und Betriebsmodell als primäre Entscheidungsfaktoren nutzen
- Regulierte Branchen: Datensicherheit, Compliance und Audit-Fähigkeit als K.-o.-Kriterien definieren
- Unternehmen mit hoher Fluktuation: Benutzerfreundlichkeit und Schulungsaufwand besonders gewichten
Ein bewährter Ansatz ist die gewichtete Nutzwertanalyse: Jedes Kriterium erhält ein prozentuales Gewicht, und jeder Anbieter wird auf einer einheitlichen Skala bewertet. Die gewichteten Einzelwerte ergeben einen Gesamtscore, der einen objektiven Vergleich ermöglicht. Wichtig ist, dass die Gewichtung gemeinsam mit allen Stakeholdern erarbeitet wird – Geschäftsführung, IT, Fachbereiche und, soweit sinnvoll, Betriebsrat. Eine Gewichtung, die nur von einer Abteilung definiert wird, erzeugt zwangsläufig blinde Flecken.
Strukturierte vs. unstrukturierte ERP-Auswahl
Die Unterschiede zwischen einem systematischen und einem ad-hoc durchgeführten Auswahlprozess sind in der Praxis erheblich. Unternehmen, die ohne klare Kriterien und Methodik vorgehen, investieren paradoxerweise oft mehr Zeit und Geld – weil Diskussionen sich im Kreis drehen, Entscheidungen revidiert werden und am Ende die Unsicherheit bleibt, ob die richtige Wahl getroffen wurde.
Strukturierte vs. unstrukturierte ERP-Auswahl
Strukturiert mit Kriterienkatalog
Ad-hoc ohne Systematik
Entscheidungsgrundlage
Nachvollziehbare, gewichtete Bewertung aller relevanten Faktoren
Subjektive Eindrücke aus Anbieterpräsentationen
Stakeholder-Einbindung
Alle relevanten Abteilungen bewerten nach einheitlichen Kriterien
Einzelne Meinungsführer dominieren die Entscheidung
Vergleichbarkeit
Anbieter werden auf derselben Skala bewertet – Äpfel mit Äpfeln
Unterschiedliche Informationstiefe erschwert den Vergleich
Zeitaufwand
Höherer Initialaufwand, aber effizienterer Gesamtprozess
Schneller Start, aber langwierige Entscheidungsfindung
Risikominimierung
Blinde Flecken werden durch systematische Abdeckung reduziert
Wichtige Faktoren werden übersehen oder zu spät erkannt
Ergebnis
Belastbare Entscheidung, die auch intern vertretbar ist
Unsicherheit bleibt – und damit das Risiko nachträglicher Korrekturen
Typische Fehler bei der Kriteriendefinition
Selbst Unternehmen, die grundsätzlich systematisch vorgehen, machen bei der Definition ihrer Auswahlkriterien wiederkehrende Fehler. Der häufigste: eine übermäßige Fokussierung auf funktionale Anforderungen bei gleichzeitiger Vernachlässigung wirtschaftlicher und organisatorischer Faktoren. Ein System kann funktional perfekt passen und trotzdem die falsche Wahl sein – wenn der Anbieter in drei Jahren nicht mehr existiert, die Implementierungskosten das Budget sprengen oder die Benutzeroberfläche so komplex ist, dass die Mitarbeitenden das System sabotieren.
Ein weiterer typischer Fehler ist die Erstellung eines zu umfangreichen Kriterienkatalogs. Wenn 200 Einzelanforderungen mit gleicher Gewichtung bewertet werden, verwässert das Ergebnis. Die Unterschiede zwischen den Anbietern verschwinden im statistischen Rauschen, und die wirklich entscheidenden Faktoren gehen unter. Besser ist ein fokussierter Katalog mit 30 bis 50 gewichteten Kriterien, der die strategisch relevanten Dimensionen abdeckt, als ein Mammutdokument, das niemand wirklich durcharbeitet.
Der dritte häufige Fehler: Kriterien werden erst definiert, nachdem bereits Anbietergespräche stattgefunden haben. In diesem Fall besteht die Gefahr, dass die Kriterien unbewusst auf den favorisierten Anbieter zugeschnitten werden. Die Reihenfolge muss umgekehrt sein: Erst die Anforderungen verstehen, dann die Kriterien definieren und gewichten, und erst dann mit der Anbieterbewertung beginnen.
“Die besten ERP-Auswahlkriterien entstehen, bevor der erste Anbieter präsentiert – nicht danach.”
– Stefan Radau, Innovera Consulting
Von der Kriterienliste zur Entscheidung: Der praktische Weg
Ein Kriterienkatalog ist kein Selbstzweck. Er ist ein Werkzeug, das den Weg von der Longlist zur finalen Entscheidung strukturiert. Im ersten Schritt dient er als Vorfilter: Anbieter, die K.-o.-Kriterien nicht erfüllen, scheiden frühzeitig aus. Das spart allen Beteiligten Zeit. Im zweiten Schritt ermöglicht die gewichtete Bewertung einen differenzierten Vergleich der Shortlist-Kandidaten. Und im dritten Schritt liefert er die Argumentationsgrundlage für die Entscheidungsvorlage an die Geschäftsführung oder den Aufsichtsrat. Ein nachvollziehbar dokumentierter Entscheidungsprozess schützt alle Beteiligten – nicht zuletzt den Projektleiter, der die Empfehlung verantwortet.
In der Praxis hat sich ein dreistufiges Vorgehen bewährt: Zunächst eine Desktop-Bewertung auf Basis öffentlich verfügbarer Informationen und Anbieterunterlagen. Dann eine strukturierte Anbieterpräsentation, bei der alle Kandidaten dasselbe Szenario durchspielen – idealerweise basierend auf Ihren realen Geschäftsprozessen. Und schließlich ein Proof of Concept mit dem oder den Finalisten, bei dem kritische Prozesse tatsächlich im System abgebildet werden. In jeder Phase liefert der Kriterienkatalog den roten Faden.
ERPulse360: Strukturierte Kriterienbewertung aus der Praxis
Im Rahmen unseres ERPulse360-Assessments entwickeln wir gemeinsam mit Ihnen einen unternehmensspezifischen Kriterienkatalog, der Ihre strategischen Prioritäten widerspiegelt. Die gewichtete Nutzwertanalyse, Anbieterszenarien und eine dokumentierte Entscheidungsvorlage sind fester Bestandteil unserer herstellerunabhängigen ERP-Beratung.
Worauf mittelständische Handelsunternehmen besonders achten sollten
Handelsunternehmen stellen besondere Anforderungen an ein ERP-System, die sich in der Kriteriengewichtung widerspiegeln müssen. Die Warenwirtschaft ist das Herzstück: Artikelstammdaten, Konditionssysteme, Bestandsführung, Disposition und Logistikintegration müssen im Standard rund laufen. Gleichzeitig steigt der Druck zur Omnikanal-Fähigkeit: Stationärer Handel, Onlineshop, Marktplätze und B2B-Portale müssen aus einem konsistenten Datenbestand bedient werden. Ein System, das diese Kanäle nur über aufwendige Zusatzmodule oder Drittanbieter-Integrationen abdeckt, wird langfristig zum Bremsklotz.
Ebenso relevant für den Handel: die Leistungsfähigkeit bei hohen Transaktionsvolumina. Ein System, das bei 50.000 Belegen pro Monat performant arbeitet, muss nicht zwangsläufig auch bei 500.000 Belegen stabil laufen. Lasttests und Referenzkunden vergleichbarer Größe geben hier mehr Sicherheit als Herstellerversprechen. Und schließlich: Im Handel entscheidet die Geschwindigkeit der Auftragsabwicklung über Kundenzufriedenheit und Wettbewerbsfähigkeit. Jeder zusätzliche Klick, jede unnötige Wartezeit und jeder Medienbruch kosten bares Geld.
Fazit: Systematische Kriterien als Investitionsschutz
Die ERP-Auswahl ist zu komplex und zu folgenreich, um sie dem Zufall oder dem Bauchgefühl zu überlassen. Ein strukturierter Kriterienkatalog – mit klarer Gewichtung, konsequenter Anwendung und transparenter Dokumentation – ist der wirksamste Schutz vor kostspieligen Fehlentscheidungen. Er ersetzt nicht das Urteilsvermögen der Entscheider, aber er stellt sicher, dass dieses Urteil auf einer vollständigen und vergleichbaren Informationsbasis beruht. Investieren Sie die Zeit in eine saubere Kriteriendefinition, bevor Sie mit Anbietern sprechen. Es ist die Investition im ERP-Projekt, die sich am schnellsten amortisiert.
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Kriterien sollte ein ERP-Auswahlkatalog umfassen?
Ein praxistauglicher Kriterienkatalog umfasst typischerweise 30 bis 50 gewichtete Einzelkriterien, die in die zehn beschriebenen Dimensionen gruppiert sind. Weniger als 20 Kriterien führen dazu, dass wichtige Aspekte übersehen werden. Mehr als 80 Kriterien verwässern die Ergebnisse, weil die Unterschiede zwischen den Anbietern im statistischen Rauschen untergehen. Entscheidend ist nicht die Anzahl, sondern die Qualität der Kriterien und die konsistente Gewichtung. Jedes Kriterium sollte messbar oder zumindest auf einer nachvollziehbaren Skala bewertbar sein – vage Formulierungen wie „gute Benutzerfreundlichkeit“ helfen bei der Bewertung nicht weiter.
Wer sollte an der Definition der Auswahlkriterien beteiligt sein?
Die Kriteriendefinition ist ein crossfunktionaler Prozess, der mindestens die Geschäftsführung, die IT-Leitung und die Fachbereichsverantwortlichen einbeziehen sollte. Die Geschäftsführung bringt die strategische Perspektive ein – Wachstumsziele, Budgetrahmen und Risikobereitschaft. Die IT steuert technische Anforderungen bei – Integrationen, Infrastruktur und Betriebsmodell. Und die Fachbereiche definieren die funktionalen Anforderungen aus der täglichen Arbeitspraxis. Ein häufiger Fehler ist, die Kriteriendefinition ausschließlich der IT zu überlassen. Das führt zu einem technisch orientierten Katalog, der die geschäftlichen Prioritäten nicht ausreichend abbildet.
Sollte man die ERP-Auswahl extern begleiten lassen?
Eine externe, herstellerunabhängige Begleitung der ERP-Auswahl lohnt sich insbesondere dann, wenn im Unternehmen keine eigene Erfahrung mit ERP-Auswahlprojekten vorhanden ist – was im Mittelstand die Regel ist, da ein solches Projekt typischerweise nur alle zehn bis fünfzehn Jahre durchgeführt wird. Ein externer Berater bringt methodisches Know-how, Marktüberblick und Verhandlungserfahrung ein und stellt sicher, dass der Prozess nicht von den Interessen eines einzelnen Anbieters dominiert wird. Wichtig ist dabei, dass der Berater tatsächlich unabhängig ist und keine Provisionen von ERP-Anbietern erhält – sonst wird aus der neutralen Beratung eine verkappte Vertriebsveranstaltung.
Quellen: Panorama Consulting ERP Report (2024); Gartner, Predicts 2024: ERP Strategy and Market (2023); DSAG-Investitionsreport (2024); eigene Projekterfahrung aus ERP-Auswahlbegleitungen im Mittelstand
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